Go West – auf der Flucht vorm neuen Jahr

Ich bin der Meinung, es bietet sich in der Zeit zwischen den Jahren nicht nur an, eben jene zu wechseln - wobei man diesbezüglich sowieso nicht (lange) umhin kann  sondern auch den gewohnten Grund auf dem man fährt. In diesem Sinne sind Robert, Martn und ich am Silvestertag auf ein Neues aus unseren Dachstuben gekrabbelt, das gut bepackte Fatbike unterm Hintern, und nahmen Kurs aufs Erzgebirge. Dort sind wir zwar in gewissem Sinne ebenfalls beheimatet, um unseren weichen Pneus wöchentlich den Auslauf zu gewähren, welchen sie für einen reinen und gesunden Gummi-Teint benötigen, nur hatten wir just vier Tage Zeit und wollten diese nutzen, weiter gen Westen zu dringen als das bei einer Tagestour möglich ist. Das schöne Vogtland schwebte, die Richtung weisend, im Raum, doch würde wohl der Schnee bestimmen wie weit wir kämen.

Frau Holle hatte es die letzten Tage gut gemeint und so rollten wir durch schönsten Winterwald. Abseits der Loipen mussten wir uns jedoch selbst bergab ordentlich ins Zeug legen, um überhaupt voran zu kommen. Der ein oder andere Reifen wurde entlüftet, auf dass Traktion über uns komme und dann hieß es munter drauf los stampfen. Tiefe, gefrorene Harvesterspuren unter all dem Schnee gestalteten die Fahrtrichtung sehr zufällig und äußerst lustig! Nach einigen Stunden hatten wir den Sumpf durchfahren und uns darauf geeinigt bei nun einsetzendem Nieselregen die Fahrt auf festerem Grund fortzusetzen, damit wir unseren Heimatbegriff möglichst schnell erweitern könnten.

Wobei festerer Grund in diesem Falle bedeutete, dass unter dem tiefen, schwer fahrbaren Schnee Asphalt lag. Die Nacht hatte uns längst ummantelt und der Regen fror die Landschaft schön. Bald erreichten wir die Landstraße von Flaje nach Kliny. Dort hatte der Tiefschnee ein Ende, doch dafür gab es herrliches Blitzeis. Ich hatte die Tücke wegen meiner Spikereifen gar nicht bemerkt – die Freunde machten sich des öfteren leicht und hielten die Luft an …

Der Magen knurrte gewaltig und wir freuten uns auf ein oppulentes Mahl in der letzten Nacht des Jahres. Das sah der Nachbar leider anders. Denn wo auch immer wir in Kliny fragten, sagte man uns, heute gäbe es keine Bewirtung, denn schließlich sei Silvester. Alleinunterhalter ölten ihre Stimmen, die Beschallungstechnik wurde geprüft und geistiges Getränk aus Kellerverliesen herbeigeschafft. Immerhin wieder etwas gelernt: in Böhmen scheint der Jahreswechsel ein rein flüssiges Fest zu sein. Ein wenig abgeschlagen durch die Nichterfüllung unserer Magengelüste fuhren wir unmotiviert weiter durch den Ort und fanden Gott sei gepriesen eine kleine Pension mit AC/DC auf Anschlag, warmer Suppe und kalten Schnitzeln. Der Wirt schien mir auch ein rechter Schelm, denn das unverspiegelte Toilettenfenster, welches bis auf Kniehöhe herab reichte, zeigte genau auf den Parkplatz hinaus und das Licht wurde per Bewegungsmelder gesteuert – also schön still sitzen, hehe.

So gestärkt traten wir wieder in den Eisregen hinaus und machten uns auf die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz. Gegen 22:00 fanden wir eine formidable Schutzhütte auf einer Anhöhe oberhalb von Mnisek. Da wurde geprostet und gekocht, während es draußen windete und die Augen schlossen sich erst gegen 2 Uhr morgens. Des Nachts taute es kräftig und ich ward schnell gewahr, dass unser Dach ein Loch hat. Nur war ich schlaftrunken viel zu träge, meinen Biwaksack herauszukramen. Also sog ich fröhlich – tropf, tropf, tropf – die liebe lange Nacht das Schmelzwasser mit meinem Schlafsack auf: lecker!

Den nächsten Morgen verbummelten wir gehörig, erst schlafend, dann trödelnd und starteten gegen 13:00 in den neuen Tag und das neue Jahr. Und ach, was schien die Sonne fein! An diesem Tag arbeiteten wir uns von Sulz durch schweren Pappschnee um letztendlich circa 30 verschiedene Sorten Harsch auf ihre Unfahrbarkeit zu prüfen – verrückt, wenn man in 9cm tiefem Schnee das Fahrrad fast nicht schieben kann. Das war ne ordentliche Schinderei aber irgendwie doch auch schön. Auf Anraten von Pane Dinse probierten wir uns dann noch im Mondfahren. Licht aus und schauen, was der Mond aus dem Wald zaubert. Das war wunderschön! So knuspernd als Dunkelmann durch den Wald rollend. Unsere knurrenden Mägen wollten wir spätestens in Hora Svateho Sebestiana mit Gambrinus und Böhmischer Küche befrieden, denn heut wäre doch sicher alles wieder normal und wir könnten uns in den Genuss tschechischer Gastfreundschaft ergeben.

Denkste! Die Wirtin der Wald-Chata in Zakouti öffnete uns im Schlafanzug und meinte freundlich aber bestimmt, dass geschlossen sei. Nu da, also noch eine Stunde an der äußersten Kraftgrenze durch Bruchharsch treten. Da geriet uns die schöne Landschaft doch ein wenig aus dem Bewusstsein und ein jeder von uns taumelte in seiner ganz persönlichen Erschöpfungsblase vor sich hin. Irgendwann waren wir dann endlich im etwas traurigen Hora Svateho Sebestiana angelangt. Traurig, weil viele Häuser des Ortes einfach verrotten und einstürzen, während direkt nebenan einer bangt, dass das Haus, welches seine Wohnung beherbergt, doch bitte noch einige Jahre aushalten möge. Der Rest des Ortes besteht aus zwielichtigen Etablissments für die Bedürfnisse des Nemec und ebenfalls für den Nachbarn im Norden die üblichen Gartenzwergstände. Da konnte ich es den Wirtsleuten gar nicht so recht verdenken, dass sie uns eher barsch heraus komplimentierten und wenigstens einen Tag im Jahr ihre Ruhe haben wollten. Das stimmte mich nachdenklich.

Hunger hatten wir immer noch und so kehrten wir ins einzig offene Lokal des Örtchens ein: die Shell Tankstelle! Der Tankwart war sehr gemütlich, es war warm und es gab allerlei Getränke und Süßkram – immerhin.

Schließlich mussten wir aufbrechen, denn schlafen wollten wir in der Tankstelle freilich nicht.

Es war bereits wieder nach 21 Uhr und ein Nachtlager musste her. Wir folgten weiter dem Fernwanderweg E3, hatten aber absolut keine Lust mehr auf das Spuren im widerspenstigen Schnee. Da parallel zum Wanderweg die Gleise eines der typischen Ferkeltaxis verliefen, wechselten wir kurz entschlossen auf den frei gewehten Schotter des Gleisbettes, um schneller voranzukommen. Bald schon hatten wir ein Sommerhaus auf freier Flur entdeckt. Das sollte wenigstens etwas Windschutz bieten, was auch gut war, da jener über Nacht stark auffrischte und mit einer deutlichen Milderung gegen Morgen Regenvorhänge über die Bergrücken schob.

Robert musste uns leider am nächsten Tag verlassen, da er daheim noch anderweitig Dinge zu tun hatte.

Martn und ich setzten die Reise gen Westen fort. Wir hatten uns den Klinovec als Tagesziel gesetzt. Die Waldwege waren von sehr lustiger Konsistenz. Die Fahrräder fühlten sich tatsächlich wie Hovercrafts an, nur ohne Steuer! Es war zum Totlachen wie wir permanent kreuz und quer über den Weg schossen, weil es in dem fest gefahrenen Schneematsch kein Halten gab.

Inzwischen hat es schon fast Tradition, dass die Schneebedingungen immer dann völlig absurd sind, wenn wir mehrere Tage am Stück unterwegs sind. Im weiteren Verlauf kamen wir in einen Wald mit Schneewehen, die komplett aus Wasser bestanden! War das ein Spaß! Ohne jeglichen Widerstand konnte man durch nabentiefe Gebilde fahren und es spritzte nur so nach allen Seiten. Hinter dem Fahrrad floß der Brei dann wieder zusammen. Da hätte ich den ganzen Tag spielen können!

Wir fuhren dann aber weiter nach Medenec und konnten endlich einkehren. Der Wirt erklärte uns dann auch noch dies und das zur Bergbaugeschichte und lud uns ein, im Sommer sein Schaubergwerk zu besuchen. Derweil wuselte ein knuffiger Dackelwelpe im Gastraum umher und ließ sich gern von uns streicheln. Den kleinen Kerl hätte ich zu gern heimlich eingesteckt.

Da dies unsere erste richtige Einkehr war, dehnten wir sie gewaltig aus, denn schließlich ist das Einkehren im Böhmischen ein wichtiger Bestandteil unserer Tourenkultur. Man ist ein wenig in Kontakt mit diesem lustigen Völkchen, kann sein rudimentäres Tschechisch aufbessern oder wenigstens auf Stand halten und natürlich schmeckt es meist auch ganz wunderbar in Böhmen.

Als es langsam dämmerte brachen wir erneut auf und glücklicherweise regnete es nicht mehr und die Luft war angenehm kalt. Eine halbe Stunde vielleicht noch und es wäre wieder Frost. So kam es auch und bald schon knirschte es herrlich unter unseren Reifen, zumal die Landstraße nach Loucna zum Zwecke des Loipenbetriebs gesperrt war. In unserer Karte war auf halber Höhe des Klinovec eine Schutzhütte eingezeichnet und wir hofften inbrünstig, sie möge tatsächlich ein Dach und Wände haben. Um uns herum sah es nun wieder viel winterlicher aus und wir fuhren auf einer richtigen Loipe – just nicht selbstverständlich! Gerade als ich meinte, wir müssten die Hütte schon längst passiert haben, jauchzte Martn und unser Abend war gerettet. Sogar eine Feuerstelle gab es. Fix einen kleinen Berg Totholz zusammengesammelt und der Abend, auf den ich die ganze Zeit gewartet hatte, konnte beginnen. Traumhaft! Eine wunderschöne Holzhütte mitten im tief verschneiten Wald, ein warmes knackendes Lagerfeuer, guter Schnaps und zwei Freunde – was braucht es mehr! Da wollte ich dann doch gar nicht mehr so schnell heim, wie es mir im Regen noch durch den Kopf schwirrte. Der Frost hatte angezogen und in den Wipfeln heulte der Wind, derweil wir Essen kochten und am Lagerfeuer spaßten. Ein Abend den man gern festhalten möchte …

Der Schlaf war tief und warm und den nächsten Morgen verbummelte ich ob der Nähe unseres Ziels gewaltig, während Martn geduldig auf mich wartete. Mit einem dicken Grinsen fuhren wir auf knirschendem Schnee bergan und waren alsbald auf dem völlig übervölkerten und eisigen Klinovec.

Ich war schon an die 3 Jahre nicht hier, Martn noch nie und so freuten wir uns beide – ich ob des Wiedersehens mit diesem schönen Berg, Martn ob des Kennenlernens. Da wehte eine steife Brise, es schneite feine Körner und alles war in gefrorenen Regen und Rauheis gepackt. Leider war meine Lieblingskneipe auf dem Gipfel derart überfüllt, dass an einen Sitzplatz darin nicht zu denken war. So fuhren wir die blaue Skipiste hinab und das mitunter im Blindflug, wenn es durch den Strahl einer Schneekanone ging – hatte ich doch glatt die Skibrille vergessen. Das war fetzig, nur hätten wir es gern noch einmal ohne Gepäck probiert, um es richtig krachen zu lassen. Kaum unten angekommen tratschten auch schon drei Frauen vom Staff und gestikulierten wild. Da dachte ich schon: Das gibt Ärger Eckehart! Doch weit gefehlt! Die eine Dame holte ihren Mann herbei, der der Besitzer der Liftanlagen und begeisterter Mountainbiker ist und prompt leuchteten seine Augen und er wollte allerhand über unsere Fahrräder wissen, da er selbst im Winter Mountainbike fährt, jedoch noch nie ein Fatbike probiert hat. Er sprach ein sehr gutes Englisch und wie schon so oft fragte man uns sehr verwundert, wieso wir denn tschechisch können. Dabei ist es eigentlich recht naheliegend, ein wenig auf seinen Nachbarn zuzugehen, wenn man oft bei ihm weilt und seien es auch nur ein paar Brocken, die man zusammen klaubt. Es bricht auf jeden Fall immer wieder aufs Neue ganz herrlich das Eis, wenn wir unsere paar Sätze daher stammeln, die nicht viel mehr als Floskeln und ein paar leckere Gerichte sind. So huschten wir auch gleich in die Gastwirtschaft und labten uns, bevor es zurück in die Heimat gehen sollte. Mit vollen Bäuchen sagten wir dem Klinovec adieu und rollten noch eine Weile auf vereisten Straßen talwärts, bevor wir kurz vor Wolkenstein in den Zug stiegen, der uns zurück nach Dresden brachte.

Auch wenn ich mich sehr auf ein trockenes, warmes Bett freute, träumte ich doch sofort vom nächsten Ausflug…

ahoj, S.bimbel

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