Zurück zum Anfang – von Dresden an die Elbquelle und zurück

Zuerst kam das Huhn… denn das Ei kann nicht kommen, da ich es zu dem Zeitpunkt schon in eine heiße Pfanne gehauen hatte als nebenbei ein Nachrichtenfenster auf dem Handy aufploppte. Alex! Ich überflog die Nachricht und filterte (Roadventure, Elbquelle, 200m hin, übernachten, 200km zurück, wetter gut, mitkommen) heraus und freute mich als ob ich es in den Recall geschafft hätte. Ich ging kurz die Checkliste mit konzentriertem Blick und zählenden Fingern durch (Fahrrad, Radklamotte, Kamera + Ersatzakku, Socken, Nikki, Hose, Pulli, Daunenjacke Hüttenschuhe, Geld, Ersatzschläuche, Ladekabel, Smartphone, Powerbank als Reserve, 2-3 Energieriegel). OK! Blieb nur die Frage wohin mit dem ganzen Kram? Ich schrieb sofort ´ne Message an Chris, der mir seine Fellowbags Gepäcktasche leihen konnte (Danke Dude) und damit war ich Freitagabend startklar für Samstag.

Nach dem Müslifrühstück ging es gegen 8 Uhr zur Schauburg wo Saxxe bereits in alter Schnittendiebmanier lässig in der warmen Sonne an der Fassade lehnte als ich ankam. Eine Tasse Kaffee würde mir jetzt wirklich gut tun, dachte ich mir, als Falko zeitgleich mit dem gleichen Gedanken um die Ecke bog. „Ok den schenk ich mir heute früh mal“ und ab ging es Richtung Bühlau. Ab dort waren wir zu 6., denn Carsten und Christian begleiteten uns ein Stück. In Wünschendorf buhlte ein Defekt an Carstens Hinterrad plötzlich laut um Aufmerksamkeit und zwang ihn und Christian quasi aus technischer Sicht zum Umkehren. Von da an waren wir im 4er-Gespann auf dem Weg „zurück zum Anfang“ unserer Stadtteilenden-, Brücken überspannten-, bräunlichen-, nassen Elbe unterwegs. Ich kannte diesen Fluss, der vor meiner Haustür durch unsere Stadt fließt schon als kleiner Junge mit Namen, aber wo dieser eigentlich anfängt, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Das sollte sich an diesem Wochenende nun endlich mal ändern und dann auch noch mit dem Rennrad und 3 guten Freunden, klasse!

-Kurze Bemerkung des Verfassers-
Es kann sein, dass zwischen den Landgemeinden, Klein- und Mittelgroßstädten, die hier so erwähnt werden, teilweise 20-30 unkommentierte Kilometer dazwischenliegen… dazu möchte ich sagen, dass mein Arbeitsspeicher zwischen den Ohren aus den 90er Jahren ist (was ja genaugenommen sogar letztes Jahrtausend war *räusper*), dass eventuell außer hoch- und runterschalten und ein paar Blicken aus Sorge um die Vollständigkeit des Rudels nicht viel passiert ist, man nichts oder andere Dinge im Kopf hatte, die hier nicht hingehören :)

Wir fuhren jedenfalls nördlich um Stolpen und Neustadt i.Sa. herum, durch den Hohwald, um dort nach ca. 55km das erste Mal tschechischen Gravel unter den Reifen zu bekommen.

-ganz kurze Anmerkung des Verfassers-
Ein Zungenbrecher ist meist schwer zu sprechen, so ähnlich verhält es sich bei meinen Fingern, wenn die tschechisch schreiben sollen (die verknoten sich). Das nützt mir nichts und lesen kann man es nachher auch nicht mehr, also schreib ich die übersetzten Namen der Städte hin.

Es ging flachwellig auf 400-500Hm zügig durch Lobendau, Hainspach, Groß Schönau, Alt Grafenwalde, Zeidler, Wolfsberg, Khaa, Obergrund (irgendwo dazwischen zeigten uns Alex und Falko eine kleine Quelle, an der wir unsere Trinkflaschen mit frischem kalten Wasser auffüllten), Niedergrund und nach Kilometer 90 wieder auf die deutsche Seite durch Waltersdorf, Kurort Jonsdorf durch den Kurort Oybin, wo wir nach einer kurzen Abfahrt am Fuße eines 14% Anstieges ankamen, der allerdings recht überschaubar war. Lust und Kraft zum Rumblödeln und ausprobieren war immer, auch um neben dem sehenswerten Fels „Kelchsteinwächtern“ im Anstieg Sagan-Wheelies zu üben. Nach kurzen 15km auf deutscher Seite strichen wir uns die Schuhe ab und passierten wieder tschechischen Waldteppich in Nachbars Garten. Zwischen Petersdorf und Kriesdorf rollte es wieder im Flachlandmodus zügig vor sich hin. Die lezten 30 km waren eigentlich identisch mit einem Abschnitt der „Rapha Prestige Bohemia“ Anfang Juli (für die, die dabei waren). Wir legten eine kurze 2L Kofolapause ein, um schnell die Energiereserven wieder aufzufüllen. Dann ein Anstieg und eine Abfahrt an die Scheuflerkoppe, die im Profil betrachtet einem Geometriedreieck sehr nah kommt. Talwärts wurde meistens in absoluter Aerodynamikhaltung gefahren, wie man auf einigen Fotos erkennen kann. Dafür haben wir im Vorfeld monatelang geheim mit Ventilatoren und Bengalos rumexperimentiert, eine freie Rolle würde dazu mit einem Luftkissen pneumatisch aufgebockt, somit konnte eine maximale Steigung von -20% simuliert werden (ich dachte das kann man ja verraten).

In Reichenberg (Liberec) gab es dann unsere größere Pause mit etwas schmackhaften Gebäck und Mozzarella, Schokomilch und der einen oder anderen Nascherei. Wir bewässerten unsere Trinkflaschen von innen und fuhren weiter ins Riesengebirge. Falko hatte schon einige Kilometer in Anstiegen mit leichten Knieschmerzen zu tun, in flachem Terrain ging es nach eigenen Aussagen ohne Probleme. Bis hierhin war noch alles „Kindergeburtstag“, wie würde es in den nächsten Stunden werden? Der Teufel wurde gar nicht erst an die Wand gemalt, sondern es wurde motiviert und weggeredet (ich konnte mir Alex gut als Arzt mit einem Stethoskop um den Hals, von oben über Falkos Knie gebeugt vorstellen, als er nach einer Weile des Betrachtens zuversichtlich und knapp sagte: „It´s only Pain!“). Das war eine sehr witzige Vorstellung! Mit diesem Leitspruch ging es beruhigt in unsere finalen 70 Bergkilometer mit guten 2000Hm zur Elbfallbaude. In Anstieg durch Rudolfsthal hatte man einen wirklich faszinierenden Blick über das weite Tal auf den Jeschken, solche Aussichten motivieren einen natürlich immer weiter hoch zu klettern und sind gleichzeitig der Lohn für die ganze Muskelarbeit. In Friedrichswald auf 840Hm angekommen wurde in der 7km Abfahrt bis ins Josefsthal hart am Wind gesegelt, um sofort wieder in den Gegenhang auf 850Hm hochzuklettern. Oben angekommen ging es einige Kilometer über hellbeigen geschotterten Waldboden, wo wir 2 tschechischen Radfahrern mit Werkzeug aushelfen konnten. Kaum ging es aus dem Wald heraus präsentierte uns die Sonne feierlich die Darretalsperre, mit ihrer glitzernden Wasseroberfläche, die durch die Baumlücken durchfunkelte. Ein sehr idyllischer Spot, der auch uns kurz zum Verweilen einlud. Nach weiteren 10 km und einigen Serpentinenkurven querten wir einen Nebenfluss der Elbe, die Iser, der wir oberhalb ein paar Kilometer durch das Wilhelmsthal entgegenfuhren. In Niederrochlitz kam dann der erste Vorgeschmack auf unseren Endgegner des Tages, denn nach 190km und Gepäck am Rad werden auch kleinere Anstiege mit kurzen Abfahrten zu kräftezehrenden Etappen. Der Berg kann ja auch nichts dafür, dass wir dort hoch wollen. Gefühlt hätte ich nach der letzten Abfahrt nochmal für 2 Wochen Luft geholt, denn ich ließ mir von Falko die letzten Daten durchgeben (12km/knapp 800Hm), man konnte an einer Stelle im Wald den Gipfel schon gut erkennen. Er war so nah und doch noch eine gute Stunde entfernt, verflixt. Wer schnell kriechen kann hätte hier seinen Spaß gehabt. Die Sonne schien immer noch, die kleinen wie gemalten Wölkchen tummelten sich immer noch am Himmel. Alles was so in den Beinen drin ist wird langsam schwerer und hofft auf weiter Unterstützung von Kettenblatt und Zahnkranz, aber auch der war mit 39/28 nun endlich am Ende seiner Möglichkeiten und hoffte nun seinerseits auf die Stärke des Kopfes. Saxxe und Alex radelten wie 2 wilde Jungs den Berg hinauf, das man gar nicht hinsehen wollte. Ich entschied mich mit Falko in die 2.Gruppe einzuordnen, weil es da Knieschonender zur Sache ging, was mir zu diesem Zeitpunkt sehr angenehm erschien. Außerdem hatte ich dann mehr Zeit für die Natur. Der kleine Fluss neben der Straße sprudelte vor Frische ins Tal hinunter. Die Bäume am Straßenrand wetteiferten um außergewöhnliche Eleganz, der Asphalt um gesunde Glätte, die Luft um gesteigerte Klarheit. Eine schöne Gegend in der Gegend. Ich dachte mir, die Natur wie der Mensch sie nennt, ist hier viel natürlicher, vielmehr Umwelt als abgegrenztes Wald- und Forstgebiet. So langsam gewöhnte man sich an den schwergängigen Ausstieg, es wurde weniger geredet und mehr auf den Vorbau geschaut. Falko versteckte seine Schmerzen sehr gut und die eine oder andere Minute für Fotos war sicher nutzbringend. Trotzdem schien sich der Berg zu verlängern, wir zu verlangsamen oder das Raum-Zeitgefühl im Schweiße verlorengegangen zu sein, alles war wie Zeitlupe, nur die Vorfreude auf eine warme Dusche und Mahlzeit ließen uns bedenkenlos weiterfahren. Die letzte Kurve, Alex und Saxxe in Sicht, Zeit für Zielfotos im Riesengebirge. Die Abendsonne erhob nochmal für einen Moment ihr wärmstes Licht auf den doch sonst recht kühlen Gipfel nach 220km/4600Hm. Der Ausblick war phänomenal, ich fragte mich warum ich nicht schon eher mal hier gewesen bin. Einfach überwältigend, Gänsehaut vom abgekühlten Schweiß und diesem imposant ruhenden Gebirges. Die letzten 300m konnte man mit dem Tempo von Grundschülern zum Pausenklingeln vergleichen. Unsere beiden Zimmer waren in der Etage -1, was erst bemerkenswert erscheint wenn man bedenkt das im obersten Stockwerk unsere Betten standen, denn das Hotel ist in den Hang gebaut und der Eingangsbereich befindet sich quasi auf dem Dach. Architektonisch sehr wertvoll. Nachdem wir unsere Räder wegschließen konnten, unsere Klamotten aufhängen, Duschen und Wechselsachen anziehen konnten, schritten wir wie Messner nach dem Everest ins Hotelrestaurant, wo uns dann unsere Suppenvorspeise; Fisch, Gulasch und Knödel als Hauptspeise und Palatschinken mit Eis als Nachtisch neben Bier und Radler serviert wurde. Vollends gesättigt verbrachten wir am Abend noch ein paar restliche Minuten des Tages gemeinsam windgeschützt unter klarem Sternenhimmel auf der Hotelterrasse im Eingangsbereich. Und als wir ganz ruhig in unseren Bettchen lagen (in denen man 3 Höhenmeter tiefer lag) und den leicht pfeifenden Wind vom angekippten Fenster mal ignorierte konnten wir die noch sehr kleine Elbe hinter unserem Hotelzimmer Talwärts herabfließen hören.

Weil meine Tastatur so langsam blind wird, möchte ich den Rückweg nur in den wichtigsten, interessantesten, kurzen Stichpunkten wiedergeben. Aufgepasst es geht los: bewölkt, kalt, nass, furchtbar frieren im Sommer, Tschechischer Intervallfahrer, nass, Gravel, Wald, Schlamm, Falko im Regen zurückgelassen, Zuckertankstelle, kürzester direktester Weg, Tempo schrubben, Alex der beste Kartenleser der Welt, nass, rutschende Vorderreifen, trocken, nass, trotzdem 212km/2500Hm. ;)

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