YUGO-Tour – Bikepacking durch das Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens

YUGO-Tour – Bikepacking durch das Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens

Unsere kleine YUGO-Tour führte Alex und ich im Mai 2019 durch einen Teil des ehemaligen Jugoslawiens. Wir starteten in Dubrovnik/Kroatien und fuhren gegen den Uhrzeigersinn eine kaltnasse Runde über 9 Tage und durch 4 Länder. Was wir alles dabei erlebt haben, zeigen wir Euch in einem kurzen Film und kurzen Zusammenfassungen zu den jeweiligen Etappen.

Etappe 1

Dubrovnik - Podgorica (130 km, 1.800 HM)

Auf geht's! Schnell verlassen wir Kroatien und sind in Montenegros "Bucht von Kotor". Wunderschön, aber auch sehr touristisch. Regenschauer begleiten uns, bevor es die traumhafte Serpentinenstraße auf die Njeguši-Hochfläche hinauf geht. Weiter geht es durch die alte Hauptstadt Cetinje und dann auf einer größeren Straße in die neue Hauptstadt Podgorica. Das schlechte Wetter soll uns auch die nächsten Tage begleiten.

Etappe 2

Podgorica - Lubnice (115 km, 2.870 HM)

We eat hills for breakfast! Nach dem Frühstück "verputzten" wir erstmal 1.500 HM auf kleinen Straßen ohne Autos. Links und rechts karge Vegetation und beeindruckende Berge.

Peng! In der ersten wirklichen Schotter-Abfahrt schneide ich mir ein Loch in den nagelneuen hinteren Reifen. So groß, dass die Tubeless-Milch es nicht mehr abdichten kann. Glücklicherweise haben wir zuvor schon ein paar Müsliriegel gegessen. Mit deren Verpackung kann das Loch halbwegs wieder abgedichtet werden. Weiter geht's.

Kalte Temperaturen und etliche Regenschauer lassen uns erst einmal in einem der seltenen Restaurants an der Strecke Pause machen. Wie immer schmeckt es herrlich und wir kommen mit dem Wirt Slobodan Vešović vom Nacionalni Restoran Ribnjak ins Gespräch. Er erzählt uns von den Hoffnungen, die die Einheimischen in den Bau der von China finanzierten Bar-Boljare-Autobahn stecken. Ein Megaprojekt, wofür sich Montenegro hoch verschuldet und China eine von vielen Türen nach Europa für seine neue Seidenstraße sieht. Was dies wirklich bedeutet, sehen wir, nachdem wir wieder auf den Rädern sitzen. Wir fahren durch schlammige Riesenbaustellen mit vielen chinesischen Arbeitern, die wir freundlich mit "ni hao" grüßen. Das freut sie sehr. Weniger freut uns, wie sie riesige Brücken und Tunnel durch die schroffe Bergwelt "schlagen". Umweltschutz ist dabei ein Fremdwort und auch der wirtschaftliche Nutzen ist fraglich.

Wir fahren weiter und haben uns entschieden, die Stecke aufgrund des schlechten Wetters ein wenig abzukürzen. Dafür müssen wir nur noch mal auf fast 1.800 m hoch. Die Kraft ist weg, der Rücken schmerzt, aber die Vorfreude auf die nächste Unterkunft lässt uns auch hier ankommen.

Bevor uns das alte hölzerne Bauernhaus gezeigt wird, in dem wir heute Nacht schlafen werden, gibt es natürlich erst einmal selbstgebrannten Apfelschnaps vom Onkel der Familie. Derweil werden bereits unsere Räder vom chinesischen Baustellenschlamm durch den Vater befreit und unsere Radsachen werden von der Mutter auch schon gewaschen. Die Tochter hilft mit ein wenig deutschen Wörtern beim Übersetzen und wenn die Kommunikation schwieriger wird, wird kurzerhand der andere Onkel in Deutschland angerufen, der fließend Deutsch kann.

Ein perfekter "Rundum-Service", der auch noch mit einem leckeren "organic" Abendessen (alles auf dem Tisch kommt aus dem Dorf, wo wir uns gerade befinden) am bollernden Kaminofen alle Strapazen des Tages vergessen lässt.

PS: Es begann zu schneien…

"Überführungsetappe" 3

Lubnice - Bijelo Polje (48 km, 130 HM)

Diese Etappe ist ganz kurz und wir nutzen die Zeit am neuen Ankunftsort, um mir einen neuen Reifen zu suchen. Das ist gar nicht so einfach. Dieses Mal schlafen wir in einer Art Hotel und wir bekommen Unterstützung beim Suchen durch einen Angestellten, der mit uns über eine Stunde im Ort umherfährt, bis wir einen "Radladen" gefunden haben.

OK, Radladen ist übertrieben. Es ist mehr ein winzig kleiner Raum im Erdgeschoss eines noch nicht ganz fertig gebauten Hauses. Aber der Inhaber kann uns mit einem älteren Conti-Reifen in 50 mm Breite helfen. Wir sind gerettet und die Tour kann weiter gehen.

Etappe 4

Bijelo Polje - Sjeničko See (123 km, 2.088 HM)

Montenegro wird verlassen und wir wundern uns, dass es nur eine Grenzkontrolle und auch keinen Stempel für Alex' Pass gibt. Wir biegen über eine kleine Stahlbrücke rechts von der Hauptstraße ab und es geht nun stetig auf roter Erde bergauf. Nebel und auch Regen setzen wieder ein. Plötzlich werden wir von drei Grenzpolizisten in einem Geländewagen angehalten, um unsere Ausweisdokumente zu kontrollieren. An Alex' Pass erkennen sie schnell, wir sind illegal in Serbien!

Was nun? Wir versuchen mit einer Handy-Übersetzungs-App eine Lösung zu finden. Keine Chance! Wir müssen die soeben mühsam erklommenen 800 HM wieder runter und den verpassten Grenzübergang nehmen. In einem für uns so gewohnten Europa ohne Grenzkontrollen ist das für uns nur schwer zu verstehen. Aber wir müssen es akzeptieren, wenn unsere Reise weitergehen soll.

Mit dem richtigen Stempel im Pass geht es nun zur nächsten Unterkunft in der Nähe des Sjeničko Sees auf über 1.000 m Höhe. Auch hier erwartet uns eine unglaublich nette Familie, die von der Vermietung ihres Ferienhauses auf dem Land lebt. Zur Begrüßung gibt es wieder einen selbstgebrannten Apfelschnaps – die Lippen werden taub und das leckere Abendessen wird serviert. Nach einigen Gesprächen und noch mehr Schnaps geht es ab ins Bett.

Etappe 5

Sjeničko See - Višegrad (87 km, 1000 Hm)

Wir müssen vom Berg wieder runter. Aber bevor wir starten, wollen wir uns noch eine besondere Attraktion hier ansehen. Das Gebiet um den Sjeničko See oder auch Uvac Canyon ist bekannt für seine Artenvielfalt. Darunter gibt es auch Gänsegeier. Und diese majestätischen Riesenvögel wollen wir uns einmal genauer anschauen. Nach einer kurzen Wanderung auf einen Hügel mit Blick auf den See zeigen sich die Raubvögel. Und es werden immer mehr. Scheinbar haben wir Interesse geweckt oder sie haben großen Hunger. Also schnell wieder auf die Räder. Wir "stürzen" uns wieder ins Tal, welches wir gestern mit maximal 30% Steigung mühsam erklommen haben. Kurz darauf passieren wir, diesmal ohne Probleme, die Grenze nach Bosnien. Unser heutiges Ziel ist Višegrad – ein besonders bei jungen Leuten beliebter Ort. Warum das so ist, können wir nur erahnen, da es neben der berühmten Altstadtbrücke und der neu gebauten Altstadt nicht wirklich viel in diesem Ort zu sehen gibt.

Etappe 6

Višegrad - Sarajevo (133 km, 2.400 HM)

Auf geht's! Wir schlängeln uns entlang des Flusses Drina auf einer Straße mit unzähligen Tunneln. Manche sind nur kurz, aber einige eben auch länger und Licht gibt es selten. Glücklicherweise haben wir Beleuchtung dabei um nicht übersehen zu werden.

Das Wetter ist heute mit Sonne und leichter Bewölkung um die 20°C perfekt. Ein kurzer Stopp in einem kleinen Lebensmittelladen im "Nirgendwo" weckt das Interesse der Dorfkinder. Besonders "Marco" ist begeistert von unseren Rädern und der Ausrüstung. Er macht sogar ein Foto von Alex und den anderen Kindern. Gestärkt geht es nun den letzten Berg auf knapp 1.600 m hoch - und da sehen wir es: Jahorina – das Skigebiet von Sarajevo und ein Austragungsort der Olympischen Winterspiele von 1984. In der Abfahrt nach Sarajevo staunen wir über die alte Bobbahn der Winterspiele. Schon lange nicht mehr in Benutzung ist das was noch übrig ist mit Graffiti verziert und ein sehr beliebter Ausflugsort für Touristen. Bis vor Kurzem waren hier noch jede Menge Mienen aus dem Jugoslawien-Krieg. Ein noch heute existierendes Problem im gesamten Land.

Nun geht es auf sehr steilen Wegen und Straßen in die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina. Wir sind sofort begeistert von dieser Stadt und seinen vielen Religionen. Mit ca. 50% sind Muslime der größte Anteil und auch der Grund, warum die Stadt "Little Istanbul" genannt wird. Die Kultur ist allgegenwärtig und für uns faszinierend. Gerade ist Ramadan und am Abend beim "Iftar", dem Fastenbrechen, strömen hunderte Muslime hungrig in Familie oder mit Freunden in die Restaurants.

Im Kontrast dazu sind überall im Stadtbild noch die Folgen des Bosnienkriegs zu sehen.

Etappe 7

Sarajevo - Mostar (142 km, 2.440 HM)

Eigentlich wollten wir auf dieser Etappe noch entspannt an den Skisprungschanzen der Olympischen Winterspiele von 1984 auf den Berg Igman vorbeirollen. Aber passend, kam uns der Winter dazwischen. Bei Schneegestöber konnten wir gerade noch so einen Blick auf die Schanzen erhaschen und wir entschieden uns die Etappe ein wenig "umzuleiten", aber dadurch nicht abzukürzen. Bei absolutem "Mistwetter" kamen wir nach über 140 km halb erfroren und ohne Bremsbeläge in der schönen Stadt Mostar, mit ihrer berühmten "Alten Brücke" an. Es war aber leider so kalt und regnerisch, dass wir heute kaum Fotos machen konnten.

Etappe 8 / 9

Mostar - Slano (132 km, 2.290 HM)
Slano – Dubrovnik (55 km, 680 HM)

Nach dem Regen am Vortag waren unsere Ketten "quietschtrocken" und das einzige Öl, was wir auftreiben konnten, war ein wenig dünnflüssiges Motoröl, was uns die nächsten Kilometer sprichwörtlich "um die Ohren flog".

Durch wunderschöne Hochtäler, teilweise mit Warnungen vor Mienenfeldern, geht es langsam wieder zurück zum Mittelmeer. Kurz vor der Grenze treffen wir noch eine Rennradreisegruppe aus Estland, mit denen wir zusammen zu Mittag essen. Nun ist es nicht mehr weit. Nur noch schnell über die Grenze. Ganz so schnell geht es doch nicht. Die Grenze, die wir ansteuerten, war nur für Einheimische und jegliche Bestechungsversuche von uns scheiterten. Auf die Frage, wieviel Leute so täglich an dieser Grenze ein- und ausreisen, bekommen wir die Antwort: ein bis zwei…

Ziemlich schlecht gelaunt, geht es also nun mit einem Umweg von mehr als 30 km über einen "in der Nähe gelegenen" anderen Grenzübergang zum Zielort Slano am Mittelmeer.

Die am nächsten Tag folgende letzte Etappe mit 55 km entlang der stark befahrenen Küstenstraße zurück zum Flughafen schildern wir hier nicht explizit. Da wir unser Flugzeug noch am gleichen Tag erreichen müssen, gibt es für uns keine andere Alternative. Und wir verstehen nicht, dass wir hier so viele Reiseradler sehen. Für uns war es kein schöner Abschluss der eigentlich wunderschönen Reise, ständig so nah von den unzähligen Touristenbussen überholt zu werden.

Wir hoffen, dass wir Euch mit diesem Bericht ein wenig Inspiration für eine schöne Bikepacking oder auch klassische Tour im Südosten von Europa geben konnten.

Vielleicht wart Ihr selber schon dort und habt auch interessante Tipps für alle, die in diesem Gebiet einmal mit dem Rad unterwegs sein wollen? Oder haben wir Highlights auf unserer Tour verpasst? Dann freuen wir uns über Eure Kommentare.

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